Rauriser Goldberg Jedermann 19.06.2026
Es ist halb neun am Abend. Die Sonne hat sich hinter die Berge zurückgezogen. Die Fassaden der alten Gewerkenhäuser am Marktplatz fangen noch etwas vom letzten Licht des Tages ein. Auf der Zuschauertribüne verstummen die Gespräche, es wird still.
Wenige Augenblicke später betritt der Goldberg Jedermann die Bühne. Und was für eine: Zwischen Kirche, Brunnen, historischen Häusern und dem Friedhofsaufgang hat Rauris eine Kulisse, die kein Bühnenbildner besser erfinden könnte. Die Geschichte vom reichen Jedermann mag aus der Feder Hugo von Hofmannsthals stammen. Was daraus in Rauris entsteht, trägt jedoch unverkennbar die Handschrift des Tales. Der Goldbergbau, regionale Bräuche und alte Überlieferungen sind fest in die Inszenierung verwoben und machen aus dem bekannten Stoff etwas ganz Eigenes.
Hofmannsthal trifft Rauriser Boden beim Goldberg Jedermann
Salzburg hat seinen Jedermann. Rauris hat seinen Goldberg Jedermann. Was ihn unterscheidet, lässt sich nicht in einer Programmnotiz erklären, man sieht es am besten selbst.
„Bei uns passt das Umfeld einfach zur Geschichte", sagt Robert Reiter, der den Jedermann spielt und gleichzeitig Regie führt. „Die Kirche, die historischen Häuser, der Marktplatz als Treffpunkt – das fügt sich alles ganz natürlich zusammen.“ So verschwindet etwa der Jedermann später nicht einfach nur hinter der Bühne. Er geht hinauf Richtung Friedhof.
Während viele Inszenierungen den Stoff in eine moderne Welt übertragen, bleibt man in Rauris bewusst in jener Zeit, die das Tal über Jahrhunderte geprägt hat: in der Blüte des Goldbergbaus. Der Jedermann ist hier kein Unternehmer der Gegenwart. Er ist ein wohlhabender Mann seiner Epoche, umgeben von Besitz, Ansehen und Einfluss. Doch auch er muss erkennen, dass all das plötzlich keinen Wert mehr hat, als der Tod vor ihm steht.
Eine Geschichte, die schon die Eltern und Großeltern gespielt haben
Zum ersten Mal wurde der Rauriser Jedermann 1953 aufgeführt. Weitere Aufführungen folgten 1961 und 1974. Nach dieser Aufführung verschwand der Jedermann für lange Zeit vom Marktplatz. Erst 2019 kehrte er zurück.
Für Robert Reiter schloss sich damit ein Kreis. Als Bub saß er selbst vor der Bühne. Seine Eltern wirkten damals bereits bei den Aufführungen mit. Er erinnert sich noch heute an Tod und Teufel, an die besondere Stimmung auf dem Marktplatz und an dieses leicht mulmige Gefühl, das einen als Kind beschleicht, wenn die großen Fragen des Lebens plötzlich Gestalt annehmen. Heute steht er selbst als Jedermann vor dem Gottesgericht.
„Eigentlich geht es darum, etwas weiterzuführen, das unsere Eltern und Großeltern begonnen haben", sagt er. „Wenn in 20, 30 Jahren die nächste Generation auf diesem Marktplatz steht und den Jedermann aufführt, dann war es das wert.“
Pinzgauerisch statt Hochsprache
Wer den Goldberg Jedermann zum ersten Mal besucht, bemerkt schnell einen weiteren Unterschied: Hier wird Pinzgauerisch gesprochen.
Die Grundlage bildet zwar der Mondseer Jedermann von 1921. Doch vor der Wiederaufnahme 2019 hat Robert Reiter die Vorlage in die Pinzgauer Mundart übertragen. Das war keine kleine sprachliche Kosmetik. Viele Stellen mussten neu gereimt, neu gesetzt, neu zum Klingen gebracht werden.
„Im Dialekt ist von der ursprünglichen Mondseer Fassung eigentlich kaum etwas übrig geblieben“, erzählt Reiter. „Vieles musste komplett neu entstehen, damit es in der Pinzgauer Mundart funktioniert.“
Für Gäste, die den Dialekt nicht vollständig verstehen, ist das allerdings kein Hindernis. Reiter empfiehlt, sich vorab kurz mit der Handlung vertraut zu machen. Danach erschließt sich das Stück erstaunlich leicht. Manche Figuren sprechen ohnehin Hochdeutsch. Und vieles versteht man nicht nur über Worte: den Gang des Todes, den Trotz des reichen Mannes, das Lachen, das kippt, die Stille, wenn es ernst wird.
Knappen, Krampusse und Bergmandl beim Goldberg Jedermann in Rauris
Der Goldberg Jedermann holt Rauriser Geschichte auf die Bühne. Knappen in Bergtrachten, Motive aus dem Goldbergbau, Musik, Tanz und Brauchtum prägen die Inszenierung des Rauriser Jedermann.
Auch die dunkleren Seiten der alten Bergwelt haben ihren Platz. In den Fantasien des Jedermann erscheinen keine beliebigen Dämonen. In Rauris können es Krampusse oder Schnabelperchten sein. Und seit 2026 ist auch ein Bergmandl dabei.
Das passt in die Sagenwelt der damals sehr abergläubischen Knappen. Unter Tage war vieles unberechenbar: eine Goldader, die plötzlich verschwunden war, ein Licht, das ausging, ein Geräusch im Berg. Für manches fand man eine Erklärung. Und sonst hieß es eben: Das war das Bergmandl!
Ein Theaterstück als Gemeinschaftsprojekt
Wenn im Sommer der Goldberg Jedermann über den Marktplatz schreitet, stehen nicht nur die Hauptdarsteller im Rampenlicht. Hinter jeder Aufführung steckt ein erstaunlich großes Gemeinschaftsprojekt. Bis zu 100 Rauriserinnen und Rauriser wirken mit – auf der Bühne, hinter den Kulissen, bei der Musik, der Technik, beim Aufbau, in der Maske oder in der Organisation. Viele von ihnen investieren dafür einen großen Teil ihres Sommers, aber niemand verdient daran. Was nach Abzug der Kosten übrig bleibt, kommt den beteiligten Vereinen zugute.
Wer beim Goldberg Jedermann mitwirkt, wird nicht über ein Vorsprechen ausgewählt. „Man kennt die Leute“, erzählt Robert Reiter. „Es braucht kein Casting. Oft weiß man im Tal schon ziemlich genau, wer für eine Rolle passen könnte. Manche haben Bühnenerfahrung, etwa über unsere Theatergruppe, andere muss man zuerst ein wenig überreden. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie sich nicht zutrauen, vor so vielen Menschen zu stehen.“
Geprobt wird bereits ab Februar, mit neuen Mitwirkenden oft schon früher. Woche für Woche kommen die Beteiligten gruppenweise zusammen. Für viele bedeutet das auch, den eigenen Sommer rund um die Proben und Aufführungen zu planen. Urlaub wird verschoben, Termine werden angepasst. Ersatzbesetzungen, wie man sie von großen Bühnen kennt, gibt es kaum. Dafür ist das Projekt zu sehr auf die Menschen zugeschnitten, die dahinterstehen. Umso bemerkenswerter ist, wie selbstverständlich am Ende alles wirkt. Das Publikum sieht einen stimmigen Theaterabend. Dahinter stecken unzählige Stunden Organisation, Proben und jede Menge Herzblut.
Die größte Hauptrolle spielt manchmal das Wetter
Freilichttheater hat immer einen Mitspieler, der sich an keinen Probenplan hält: das Wetter.
Es gab einen Abend, an dem die Prognose nur eine geringe Regenwahrscheinlichkeit angekündigt hatte. Der Himmel war blau, als die Aufführung begann. Keine Dreiviertelstunde später kam der Regen. Ponchos wurden verteilt, zehn Minuten unterbrochen, die Vorführung wieder aufgenommen – denn laut Wetterbericht sei es nur ein kurzer Schauer. Der Regen blieb. Bis zur letzten Szene. Die Schauspieler spielten klatschnass, einige Zuseher saßen längst durchnässt auf der Tribüne, doch niemand stand auf. Niemand ging. Genau als das Stück zu Ende war, rissen die Wolken auf. Der Applaus kam wie immer.
Lob bekommen Robert Reiter und sein Ensemble viel. Aber dieser Abend war für ihn etwas anderes. „Wer im Regen sitzen bleibt, den hat das Stück wirklich gepackt", sagt er. „Das lässt sich nicht vortäuschen und kein noch so freundliches Feedback nach der Vorstellung sagt mehr als ein Publikum, das sich bei Dauerregen nicht von der Tribüne bewegt.“
Und dann gibt es noch die andere Geschichte über das Wetter, die Robert mit einem Schmunzeln erzählt: Ebenso bei anfangs besten Verhältnissen zogen plötzlich Blitz, Donner und Wind im Hintergrund auf – genau als der Tod die Treppe herunterkam. Dabei ließ ein Windstoß seinen Mantel flattern und wehte ihm die Kappe vom Kopf. Manche im Publikum glaubten später, das sei inszeniert gewesen. War es nicht. Manchmal hat Freilichttheater einfach bessere Einfälle als jeder Regisseur.
Warum man den Rauriser Goldberg Jedermann sehen sollte
Die bekannte Geschichte vom reichen Jedermann und seiner letzten Stunde trifft hier auf die Geschichte eines Tales, das sie sich über Generationen hinweg zu eigen gemacht hat.
Der Marktplatz wird zur Bühne, der Dialekt zur Sprache des Stücks und viele Menschen aus Rauris zu dessen Trägern. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass diese Geschichte auch heute noch weitererzählt wird.
Der Rauriser Goldberg Jedermann ist für Gäste, Einheimische und Jedermann-Fans, die das Tal nicht nur anschauen, sondern ein Stück seiner Geschichte spüren möchten. Für alle, die erleben wollen, wie ein ganzer Ort zusammenkommt, damit ein alter Ruf wieder durch den Sommerabend hallt: „Je-der-mann!“
Bildnachweis: © Goldberg Jedermann