Wie sich ein Sommer auf der Alm anfühlt 29.06.2026

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„Freust du dich schon auf die Alm?" Sophie Ennsmann von der Gainschniggalm hört diese Frage jedes Frühjahr. Die Antwort kommt prompt: „Eigentlich freue ich mich erst, wenn alles vorbereitet ist."

Wer im Sommer auf die Alm wandert, sieht oft nur das Ergebnis. Was davor liegt, bleibt den meisten verborgen. Während der letzte Schnee noch wegschmilzt, wird bei Sophie daheim bereits Speck geräuchert, es werden Kaspressknödel vorbereitet, Vorräte eingelagert und Listen geschrieben. Kurz bevor es auf die Alm geht heißt es dann putzen, einräumen und letzte Handgriffe erledigen. Erst wenn oben alles an seinem Platz ist und die Tiere wieder auf der Alm sind, beginnt für Sophie die Vorfreude und der Almsommer im Raurisertal kann beginnen.

Bevor die ersten Gäste kommen

Während im Tal viele Häuser noch dunkel sind, ist auf der Gainschniggalm im Talschluss von Kolm Saigurn längst Bewegung.

Sepp geht zum Melken. Sophie leert die Asche aus dem Holzherd und macht ihre erste Runde um die Hütte. Wenig später kommt ein kleiner Teil der frischen Milch in die Küche. Der Rest wird noch am selben Vormittag zu Almkäse, Butter, Buttermilch oder Frischkäse verarbeitet. Hühner werden hinausgelassen, die Katze wartet schon auf ihr Futter, die Schweine machen lautstark darauf aufmerksam, dass sie als Nächste an der Reihe sind. Dazwischen wird gespült, aufgeräumt, das Frühstück für die Hausgäste vorbereitet und alles für den Tag organisiert.

Erst wenn das erledigt ist, setzt sich die Familie gemeinsam an den Frühstückstisch. „Das ist einer meiner liebsten Momente“, sagt Sophie. „Wir frühstücken immer alle zusammen.“ Alle, das sind Sophie und ihr Mann Sepp, Schwiegertochter Elli und jährlich ein bis zwei Praktikantinnen. „Die sollen hier nicht nur mithelfen, sondern auch sehen, wie sich das Almleben ganzheitlich anfühlt.“

Lange dauert diese Pause aber selten. Im Käsekeller neben der Almhütte warten schon die Laibe der vergangenen Tage. Jeder einzelne wird täglich gepflegt, mit Salzwasser eingerieben, gewendet. Sophie beginnt immer beim jüngsten Käse und arbeitet sich bis zum ältesten vor. Dann bleibt gerade noch Zeit, sich für die ersten Gäste herzurichten.

Wenn einfach einmal etwas aus ist

Wer auf einer bewirtschafteten Alm einkehrt, erwartet oft das Ursprüngliche. Ganz so einfach ist es heute allerdings nicht. Auch auf der Gainschniggalm müssen Lebensmittel gekühlt, Hygienevorschriften eingehalten und unzählige Auflagen erfüllt werden. Gerade deshalb ist Sophie Ehrlichkeit wichtig. „Es ist überhaupt kein Problem zu sagen, dass etwas zugekauft ist“, findet die Bäuerin. „Aber dann soll man es auch ehrlich sagen. Den Gästen gehört die Wahrheit.“

Butter gehört zu den Lebensmitteln, auf die man sich normalerweise verlassen kann. Im Supermarkt sieht sie Woche für Woche gleich aus, schmeckt gleich und lässt sich gleich streichen. Auf der Alm ist das anders. Mal ist sie heller, mal dunkler, mal fester. Das Wetter entscheidet mit. Das Gras. Die Kräuter auf der Almwiese. Manchmal auch einfach der Tag. „Wenn die Butter einmal anders wird“, lacht Sophie, „dann lässt sie sich manchmal noch gut als Kochbutter verwenden oder die Schweine und Hühner freuen sich darüber.“ Wenn Gäste dann ein Stück Bauernbutter mit nach Hause nehmen, versorgt sie diese gerne gleich noch mit den besten Aufbewahrungstipps: „Die Bauernbutter am besten in einer Schale mit kaltem Wasser im Kühlschrank aufbewahren. So bleibt sie am längsten frisch.“

Auch wenn die Bauernkrapfen nach dem überlieferten Rezept ihrer Mutter beim Ausbacken einmal nicht so fluffig aufgehen wie gewünscht, hat Sophie noch heute deren Stimme im Ohr: „Die verkaufen wir nicht, die sind ja gar nicht aufgegangen.“ Sophie kostet es heute nur ein Schulterzucken, wenn sie die Krapfen trotzdem serviert: „Sie schmecken deshalb ja nicht weniger gut. Und dann sehen die Leute wenigstens, dass sie selbstgemacht sind.“ Viele Gäste schätzen genau das. Manche kommen sogar mit einer Kühlbox auf die Alm, um Butter oder Käse mit nach Hause zu nehmen. Und manchmal gehen sie auch mit leeren Händen wieder ins Tal.

„Einige sind es gar nicht mehr gewohnt, dass einfach einmal etwas aus ist“, sagt Sophie. Auf der Alm wird einem schnell wieder bewusst, dass Lebensmittel nicht auf Knopfdruck entstehen.

Mit Gefühl für Mensch und Tier

Seit zwanzig Jahren verbringt Sophie ihre Sommer auf der Gainschniggalm. Entsprechend viele Erinnerungen hängen an diesem Ort und fast jedes Eck erinnert sie an etwas. Daran, was umgebaut wurde, was mit eigener Hand entstanden ist oder welche Geschichten sich über die Jahre angesammelt haben.

Mit derselben Aufmerksamkeit begegnet Sophie auch ihren Tieren. „Man braucht viel Gefühl“, ist sie überzeugt. „Ein Tier merkt sofort, wie man mit ihm umgeht.“

Sie erzählt von einer Besucherin, die sich wunderte, warum die Kühe bei ihr so unruhig waren. Später stellte sich heraus: Sie hatte ihnen ständig direkt in die Augen geschaut. Für uns Menschen ein Zeichen von Aufmerksamkeit, für viele Tiere eher eine Herausforderung. Für Sophie gehört Respekt in alle Richtungen. Zur Natur. Zu den Tieren. Und zu den Menschen.

Besonders freut sie sich über Gäste, die Fragen stellen und sich Zeit nehmen. Wie entsteht Käse? Was passiert mit der Milch? Wie sieht der Alltag auf einer Alm eigentlich aus? Damit sie all das nicht nur erzählen muss, hat die Familie ein Fotobuch gestaltet, das die Almbäuerin den Gästen gerne auf den Tisch legt. Darin zeigen Bilder den Weg vom Melken bis zum fertigen Käse, erzählen vom Almleben im Raurisertal und davon, was viele Gäste sonst gar nicht zu sehen bekommen.

Wer das Handy zückt, wird von der Gastgeberin manchmal freundlich ausgebremst.: „Handy weg“, fordert sie schmunzelnd auf. Und ergänzt: „Schaut euch das alles einfach nur an.“ Gemeint sind nicht nur die Berge. Sondern das Bimmeln der Kuhglocken, das Summen der Insekten zwischen den Almblumen oder der Duft des Bergsommers. Alles Dinge, die auf keinem Foto festzuhalten sind.

Was von einem Almsommer bleibt

So arbeitsreich ein Almsommer auch ist, am Ende sind es nicht die vielen Handgriffe, die Sophie in Erinnerung bleiben. Nach einem langen Tag sitzt sie manchmal noch einen Moment vor der Hütte und schaut hinaus über die Alm.

„Die Natur gibt mir unglaublich viel.“ Wie viel, das merkt sie erst, wenn plötzlich etwas fehlt. „Wenn die Kühe im Herbst schon früher heimgehen, fehlt mir das Bimmeln der Glocken direkt. Oder einmal hat der Brunntrog nicht mehr geplätschert. Da konnte ich gar nicht schlafen.“

Irgendwann endet trotzdem jeder Almsommer. „Im Herbst bin ich auch wieder froh, wenn wir unten sind“, gibt Sophie zu. „Vor allem, wenn alle – Mensch und Tier – gesund sind und die Almlandschaft rundherum intakt geblieben ist.“

Das ist es wohl, was das Almleben so besonders macht. Es besteht nicht nur aus den schönen Ausblicken, die Gäste mit nach Hause nehmen. Hinter jeder bewirtschafteten Alm stehen Menschen, die mit viel Können, Geduld und Herzblut dafür sorgen, dass diese Kulturlandschaft erhalten bleibt. Denn, um es in den Worten von der Gainschniggalm-Wirtin zu wiederholen: „Die Natur braucht den Menschen nicht. Aber der Mensch braucht die Natur.“

Bildnachweis: © TVB Rauris | Florian Bachmeier

Infos zur Gainschniggalm
  • Lage: Kolm Saigurn im Raurisertal
  • Seehöhe: 1.745 Meter
  • Gehzeit: ca. 45 Minuten vom Parkplatz Lenzanger
  • Saison: in der Regel Anfang Juni bis Ende September, täglich geöffnet (witterungsabhängig)
  • Kulinarik: Selbstgemachte Almprodukte wie Almkäse, Butter, Buttermilch, Bauernkrapfen, Brettljausen und Kaspressknödel
  • Besonderheiten: Übernachtungsmöglichkeit, Sonnenterrasse, Kinderspielplatz, Tiere zum Beobachten rund um die Alm

Noch mehr Almen entdecken: Im Raurisertal laden zahlreiche bewirtschaftete Almen zur Einkehr ein – jede mit ihrem ganz eigenen Charakter und ihren regionalen Spezialitäten. Hier geht es zur Übersicht aller Almen im Raurisertal.

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